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Erste Stellungnahme des Expertenrates der Bundesregierung zu COVID-19

19. Dezember 2021 23:08

Einordnung und Konsequenzen der Omikronwelle

Datum der Veröffentlichung: 19.12.2021

Aktuelle Ausgangslage in Deutschland
In der vierten und bislang stärksten Infektionswelle nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie
arbeitet das deutsche Gesundheitssystem aktuell unter sehr hoher Last. Neben einer konstant
hohen Zahl von COVID-19 Patient:innen mit starker Belastung, insbesondere der
Intensivbereiche, ist die Versorgung der nicht-COVID Erkrankten bereits in Teilen
eingeschränkt. Schwerwiegende Verluste im Personalbereich der Krankenhäuser sind
eingetreten und werden weiter zunehmen.
Die aktuell sinkenden Inzidenzen werden von weiten Teilen der Gesellschaft und Politik als
Zeichen der Entspannung wahrgenommen. Die zu erwartende Meldeverzögerung über die
kommenden Feiertage wird diesen Eindruck weiter verstärken. Aus den in der Folge
aufgeführten Gründen ist dieser Eindruck nicht gerechtfertigt.
Aktueller Kenntnisstand zu Omikron/ B1.1.529
Die kürzlich identifizierte Omikron-Variante bringt eine neue Dimension in das
Pandemiegeschehen. Omikron zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit und
ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus. Dies bedeutet, dass die neue
Variante mehrere ungünstige Eigenschaften vereint. Sie infiziert in kürzester Zeit deutlich
mehr Menschen und bezieht auch Genesene und Geimpfte stärker in das
Infektionsgeschehen ein. Dies kann zu einer explosionsartigen Verbreitung führen: In
Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien wird bereits eine nie
dagewesenen Verbreitungsgeschwindigkeit mit Omikron-Verdopplungszeiten von etwa 2-3
Tagen beobachtet. Mehrere unserer betroffenen Nachbarstaaten haben angesichts dieser
Dynamik umgehend teils tiefgreifende Gegenmaßnahmen zur Eindämmung eines potentiell
unkontrollierbaren Infektionsgeschehens ergriffen. Auch wenn in dieser frühen Phase der
Omikronwelle die Krankheitsschwere nicht abschließend beurteilt werden kann, steigt die
Hospitalisierung in Hotspots wie London bereits deutlich an. Es ist bisher nicht davon
auszugehen, dass im Vergleich zur Delta-Variante Menschen ohne Immunschutz einen
milderen Krankheitsverlauf aufweisen werden. Erste Studienergebnisse zeigen, dass der
Impfschutz gegen die Omikron-Variante rasch nachlässt und auch immune Personen
symptomatisch erkranken. Der Schutz vor schwerer Erkrankung bleibt wahrscheinlich
teilweise erhalten. Mehrere Studien zeigen einen deutlich verbesserten Immunschutz nach
erfolgter Boosterimpfung mit den derzeit verfügbaren mRNA Impfstoffen. In Deutschland ist
jedoch aufgrund der vergleichsweise großen Impflücke, die insbesondere bei Erwachsenen
besteht, mit einer sehr hohen Krankheitslast durch Omikron zu rechnen.
Kurz- und mittelfristige Szenarien des Infektionsgeschehens in Deutschland
Nationale und internationale Modellierungen der Infektionsdynamik und möglicher Spitzen-
Inzidenzen zeigen eine neue Qualität der Pandemie auf. Die in Deutschland angenommene
Verdopplungszeit der Omikron-Inzidenz liegt aktuell im Bereich von etwa 2-4 Tagen. Durch
die derzeitig gültigen Maßnahmen ist diese Verdoppelungszeit im Vergleich zu England zwar
etwas langsamer, aber deutlich schneller als bei allen bisherigen Varianten. Sollte sich die
Ausbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der

Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne. Dadurch wäre das
Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur unseres Landes extrem belastet.
Weitere Kollateraleffekte sind insbesondere in der berufstätigen Bevölkerung zu erwarten, u.a.
durch die dann notwendige Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Menschen. Eine
massive Ausweitung der Boosterkampagne kann die Dynamik verlangsamen und damit das
Ausmaß mindern, aber nicht verhindern. Laut der mathematischen Modelle kann eine
Überlastung des Gesundheitssystems und die Einschränkung der kritischen Infrastruktur nur
zusammen mit starken Kontaktreduktionen eingedämmt werden.
Gefährdungspotential für die kritische Infrastruktur
Schnell steigende Inzidenzen bergen hohe Risiken für die kritischen Infrastruktur (KRITIS) in
Deutschland. Hierzu gehören unter anderem Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr,
Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung und die entsprechende
Logistik. Deshalb bedarf es einer umfassenden und sofortigen Vorbereitung des Schutzes der
kritischen Infrastruktur unseres Landes. Es müssen in den kommenden Tagen Vorkehrungen
für die ersten Monate des Jahres 2022 getroffen werden, und zwar auf politischer und
organisatorischer Ebene des Bundes, der Länder, der Städte und Gemeinden. Dabei sollten
mögliche Partner wie Bundeswehr, THW oder Hilfsorganisationen frühzeitig eingebunden
werden. Aktivierungswege und Steuerungsmechanismen müssen kurzfristig verfügbar sein
sowie ausreichende Testkapazitäten und Versorgungsketten sichergestellt werden. Die
Krankenhäuser müssen eine hinreichende Vorratshaltung von Material und Medikamenten
herstellen. Eine schnelle politische Handlungsfähigkeit muss zu jedem Zeitpunkt auch
während der Feiertage gewährleistet sein.
Belastung des Gesundheitssystems durch Omikron
Aufgrund des gleichzeitigen, extremen Patientenaufkommens ist eine erhebliche Überlastung
der Krankenhäuser zu erwarten – selbst für den wenig wahrscheinlichen Fall einer deutlich
abgeschwächten Krankheitsschwere im Vergleich zur Delta-Variante. Sogar wenn sich alle
Krankenhäuser ausschließlich auf die Versorgung von Notfällen und dringlichen Eingriffen
konzentrieren, wird eine qualitativ angemessene Versorgung aller Erkrankten nicht mehr
möglich sein. Eine strategische Patientenverlegung kann aufgrund der zu erwartenden
flächendeckend hohen Belastung nicht mehr nennenswert zu einer regionalen Entlastung
beitragen.
Zeitnah notwendige Maßnahmen
Aus dem geschilderten Szenario ergibt sich Handlungsbedarf bereits für die kommenden
Tage. Wirksame bundesweit abgestimmte Gegenmaßnahmen zur Kontrolle des
Infektionsgeschehens sind vorzubereiten, insbesondere gut geplante und gut kommunizierte
Kontaktbeschränkungen. Die aktuell geltenden Maßnahmen müssen darüber hinaus noch
stringenter fortgeführt werden. Parallel sollte die Impfkampagne erheblich intensiviert werden.
Die Boosterimpfungen, wie auch die Erst- und Zweitimpfungen, müssen auch über die
kommenden Feiertage mit allen verfügbaren Mitteln fortgesetzt und weiter beschleunigt
werden. Insbesondere für Ältere und andere Personen mit bekanntem Risiko für einen
schweren COVID-19 Verlauf ist höchste Dringlichkeit geboten. Allerdings zeigen alle Modelle,
dass Boosterimpfungen alleine keine ausreichende Eindämmung der Omikronwelle bewirken,
sondern zusätzlich Kontaktbeschränkungen notwendig sind. Neben den notwendigen
politischen Entscheidungen muss die Bevölkerung intensiv zur aktiven Infektionskontrolle
aufgefordert werden. Dazu gehören die Vermeidung größerer Zusammenkünfte, das

konsequente, bevorzugte Tragen von FFP2 Masken, insbesondere in Innenbereichen, sowie
der verstärkte Einsatz von Schnelltests bei Zusammenkünften vor und während der Festtage.
Besonders vulnerable Gruppen bedürfen verstärkter Schutzmaßnahmen durch hochfrequente
Testung und FFP2 Masken.
Bei allen Entscheidungen müssen die Interessen besonders belasteter und vulnerabler
Gruppen, wie beispielsweise Kinder, Jugendliche oder Pflegebedürftige höchste Priorität
erhalten.
Der Expertenrat erwartet für die kommenden Wochen und Monate enorme
Herausforderungen, die ein gemeinsames und zeitnahes Handeln aller erfordern. Neben dem
konsequenten Handeln ist stringentes Erklären entscheidend. Die Omikronwelle trifft auf eine
Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist
und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind. Eine umfassende
Kommunikationsstrategie mit nachvollziehbaren Erklärungen der neuen Risikosituation und
der daraus folgenden Massnahmen ist essentiell. Die Omikronwelle läßt sich in dieser
hochdynamischen Lage nur durch entschlossenes und nachhaltiges politisches Handeln
bewältigen.
Zustimmung im Expertenrat: 19 von 19

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