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Datenschutz oder Datengrabbing – Schutz der Bürger oder Verkaufshilfe für Internet-Giganten?

28. Januar 2021 9:08

Wenn Sie diesen Text weiterlesen möchten, darf ich im Gegenzug Ihren Mailverkehr analysieren, Ihren Standort und Ihre Vorlieben kennenlernen und gewinnbringend an Hunderte meiner „Partner“ zu Werbezwecken weiterleiten. So etwa würde sich die Kurzfassung dessen anhören, was dem geneigten Leser tagtäglich bei der Suche nach Informationen im Internet begegnet. Gerade in letzter Zeit ist zu beobachten, dass beinahe alle Plattform- und Homepagebetreiber auf den Zug aufgesprungen sind und ein Zugriffsrecht auf das Privatleben ihrer (potentiellen) Kunden einfordern, bevor sie zugänglich werden. Besonders dreist und skrupellos verfahren dabei Weltkonzerne wie Google, Youtube (inzwischen von Google geschluckt) und viele andere. Nachdem die Plattformen über viele Jahre die User mit vielerlei Informationen und kostenlosen Diensten angefüttert haben, scheint nun allerorten die Zeit reif zu sein, um reiche Ernte einzufahren. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass viele Anbieter dazu übergegangen sind, ihre Leistungen mit der Einrichtung eines Kontos zu verknüpfen, d. h. eine Dauer(ver)bindung oder plakativer gesagt einen Horchposten über den Erwerb einer Software hinaus zu schaffen – mit weiteren Möglichkeiten der Ausforschung persönlicher Daten. Da heißt es bei einem Anbieter: „Um ein personalisiertes Inhalts-Profil zu erstellen, können Anbieter Informationen über einen Nutzer sammeln, einschließlich dessen Aktivitäten, Interessen, Besuchen auf Webseiten oder der Verwendung von Anwendungen, demographischen Informationen oder des Standorts, um ein Nutzer-Profil für die Personalisierung von Inhalten zu erstellen oder zu bearbeiten“. Da bleibt kaum ein Wunsch offen.

User werden durch verbales Gewöll verhöhnt

Und so, als wollten die Anbieter ihre User verhöhnen, beginnt der Vorspann fast ausnahmslos mit dem Hinweis, dass man den Datenschutz beachten wolle und deshalb als Voraussetzung folgende Details wissen …. was dann folgt, ist in der Regel filigranes verbales Gewöll. Und ein E-Mail-Dienst setzt noch eine Drohung hinzu, indem es dort abschließend heißt: „Wichtig: Auch wenn Sie nicht zustimmen, sehen Sie weiterhin Werbung, möglicherweise sogar mehr“.

Aber es gibt auch weiterhin Portale, wie beispielsweise zm.online, bei dem man durch einfachen Klick tatsächlich alles abwählen kann

Schöne neue Gesundheitswelt eines digitalverliebten Ministers.

Inzwischen hat auch Bundesminister Spahn die Vorzüge von Google für sich entdeckt. Er hat einen Deal mit dem Internet-Riesen; denn nach Spahn sollen „Verlässliche Gesundheitsinformationen“ über die Suchmaschine Google künftig leichter zu finden sein. Zu diesem Zweck hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium eine Kooperation mit dem Internetkonzern gestartet, um seine Informations­sei­te „gesund.bund.de“ „prominenter in den Suchergebnissen zu platzieren“. Abgesehen davon, dass Spahn damit die fragwürdige Werbepraxis nutzt, die geeignet ist, Kundenwünsche auf die Seiten bestimmter Anbieter zu lenken, treibt er die Suchenden damit zwangsläufig in das Datengrabbing des Konzerns. Denn, will man das Portal bei Google suchen, muss man zuvor dessen Nutzungskonditionen zustimmen, also der weiteren Nutzung eigener persönlicher Daten. Und der Konzern fährt gut damit; denn nur wenige User bedienen sich statt der Google-Suchmaschine einer anderen, zu denen beispielsweise die deutsche Suchmaschine „MetaGer“ gehört. Bei Google heißt es u. a. „bevor Sie fortfahren“: „Google verwendet Cookies und andere Daten, um Dienste und Werbung bereitzustellen, zu verwalten und zu verbessern. Wenn Sie zustimmen, personalisieren wir die Inhalte und Werbung, die Ihnen basierend auf Ihren Aktivitäten in Google-Diensten … angezeigt werden. Die Nutzung unserer Dienste wird auch von einigen unserer Partner analysiert“.

Die „Partner“ lauschen mit

Dazu muss man wissen, dass Google die Daten an rund 700 „Partner“ weiterleitet, zu denen beispielsweise Firmen von „DAPP GLOBAL LIMITED 迪愛普科技有限公司 in Hong Kong bis Booking.c und Tchibo zählen. Man erkennt also sehr schnell, dass man mit der Zustimmung weltweit nicht mehr Herr seiner Daten ist. Herzliche Grüße aus China! Dort ist man inzwischen noch ein gutes Stück weiter bei der Nutzung persönlicher Daten und Profile … und man fragt sich zu Recht, wann der Zeitpunkt gekommen sein wird, an dem Staaten und Internetgiganten gleichberechtigte „Partner“ sind. Reicher als manche Staaten sind die Giganten bereits, und da Geld auch Macht bedeutet, könnten sich, um ein schlimmes Szenario zu zeichnen, Staaten einkaufen lassen. Orwell war nur Kindergeburtstag!

Entrinnen kaum möglich

Es soll aber nicht verheimlicht werden, dass die Anbieter fast ausnahmslos ein Türchen für diejenigen User anbieten, die sich vor dem Konzern nicht vollständig entkleiden möchten. Man kann (Vor)einstellungen abwählen und nur denjenigen zustimmen, die angeblich notwendig sind – was immer das bedeuten mag. Leider sind diese Türchen oft so klein und der sich dahinter öffnende Irrgarten umso größer, sodass man am Ende nur zu leicht dort landet, wo man beim Anklicken eines „Nein“ unweigerlich einem „Ja“ zugestimmt hat.

Waren schon Banken „too big to fail”, so sind die Internet-Giganten inzwischen offensichtlich „too big to get killed“. Jedenfalls sind keine staatlichen Bemühungen zu erkennen, die geeignet wären, auf dieser Ebene Datenschutz durchzusetzen, der den Namen auch verdient. Datenschutz ja, aber bitte nicht bei Unternehmen, die böse reagieren könnten, obwohl sie hierzulande in der Regel ohnehin keine Steuern zahlen. Da ist es dem Gesetzgeber schon leichter, Friseure, kleine Kaufleute und auch Ärzte und deren Verbände mit schier unerfüllbaren und überzogenen Datenschutz-Forderungen zu belästigen.

Dr. Michael Loewener, Wedemark

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