In der Pressemeldung des GKV-Spitzenverbandes vom 22.09.2026 beklagt dessen stellvertretende Vorstandsvorsitzende Ungerechtigkeiten bei der Terminvergabe in Facharztpraxen. Zu Recht stellt sie fest, dass die Wartezeiten für Termine bei Fachärzten sehr lang sind. Und sie verknüpft diese Tatsache mit der Bevorzugung von Privatpatienten. Ihre Forderung lautet daher: „Gerechtigkeit in der gesundheitlichen Versorgung bedeutet, dass Patientinnen und Patienten allein bei Bedarf nach medizinischer Dringlichkeit einen Termin beim Arzt bekommen, und zwar unabhängig davon, ob sie gesetzlich oder privat versichert sind“. So weit, so gut. Tatsächlich entspricht es dem Gerechtigkeitsempfinden, dass in einem hochentwickelten Land alle Menschen gleichwertig medizinisch versorgt werden, und zwar nach medizinischer Notwendigkeit und nicht nach Vermögen oder Einkommen. Niemand wünscht sich ernsthaft amerikanische Verhältnisse, bei denen kostenträchtige Behandlungen den Verkauf der Immobilie zur Folge haben können oder Operationen mangels aus Geldmangel nicht stattfinden.
Kommen wir zurück auf das deutsche Gesundheitssystem, das regelmäßig schlechtgeredet und schlechtgeschrieben wird. Der Satz von dem bestenfalls mittelmäßigen, ineffizienten und in jedem Fall zu teuren Gesundheitssystem ist inzwischen zur routinemäßigen Sprechblase verkommen, die Gesundheitspolitiker und solche, die sich dafür halten, auf der Zunge haben. Leider gehört diese Sichtweise oftmals zur journalistischen Grundausrichtung in den Medien. Eine eindimensionale Sichtweise, die sich im Laufe der Zeit verhärtet hat und deren Überwindung nur aufgrund intensiver und ergebnisoffener Recherche möglich ist und irgendwann vielleicht auch nachlesbar sein wird.
Wenn es also so ist, dass Privatversicherte bevorzugt Termine erhalten, dann ergibt sich zwangsläufig die Frage nach den Gründen. Und da setzt die Scheindebatte von Frau Stefanie Stoff-Ahnis an. Scheindebatte deshalb, weil sie nicht auf die naheliegenden Gründe eingeht, sondern eine Problemlösung für „einen gerechten und effizienten Zugang zur Versorgung zu schaffen“ darin sieht, eine gesetzliche Regelung für eine tagesaktuelle Terminplattform“ zu fordern. Auf dieser Terminplattform „würden alle Arztpraxen einen festzulegenden Anteil ihrer GKV-Termine zur Verfügung stellen“, wünscht sich die stellv. Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes. Und bei der Terminvergabe dürfe „nicht mehr danach gefragt werden darf, ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist“, lautet eine weitere Forderung. Die wundersame Vermehrung von Brot und Fischen, bei dem „mit nur fünf Broten und zwei Fischen eine Menschenmenge von über 5000 Personen gesättigt wurde“, ist letztmals vor rund 2.000 Jahren gelungen. Und die Frage, an welcher Stelle diese Plattform angesiedelt sein sollte, wer sie hostet und wer sie bezahlt, erübrigt sich wohl an dieser Stelle!
Klartext: Die Kassen wollen die Terminbücher der Praxen okkupieren, kontrollieren und ggf. auch als Folge nichtkonformen Verhaltens sanktionieren.
Dass damit das Eindringen in die Praxisverwaltungssysteme ermöglicht wird, dürfte ein interessanter Nebeneffekt für die Kassen sein, um freie Praxen peu à peu ihrer Eigenständigkeit zu berauben und sie im Extremfall zu Nebenstellen der Krankenkasse zu degradieren. Zugegebenermaßen ein Horrorszenario für alle Praxisinhaber, die viel Geld, Mühe und Liebe für ihren Beruf investiert haben – aber bei etwas Phantasie nicht unvorstellbar.
Die Politik scheint dieser Entwicklung gegenüber nicht abgeneigt zu sein; denn insbesondere die drei letzten Gesundheitsminister haben deutlich erkennen lassen, dass ihnen am Erhalt der ambulanten Einzelpraxen nicht sonderlich gelegen ist. Das gilt übrigens auch für Apotheken und Krankenhäuser.
Es ist schlecht vorstellbar, dass den führenden Köpfe der Krankenkassen die wahrenn Ursachen für den Mangel an Terminen nicht bewusst sind: Zu geringe Ausbildungszahlen, unzureichende Honorierung durch die Krankenkassen, Budgetierungen – Nichtbezahlung erbrachter Leistungen und Kollegen und Kolleginnen, die dem bürokratischen Wahnsinn vorzeitig „Lebe wohl!“ sagen. Dass sich unter diesen Rahmenbedingungen immer weniger Studierende für eine Niederlassung – noch dazu in Randbereichen – entscheiden, ist die unübersehbare Folge. Diese Entwicklung findet gerade unter den Augen der Politik statt und ist der Hauptgrund für die unvermeidbare Verlängerung von Wartezeiten bei Ärzten und vorzugsweise bei Fachärzten.
Die Forderung nach zentraler und überwachter kollektiver Terminvergabe ist also nur das Trojanische Pferd der Krankenkassen, um der freien Praxis den Garaus zu machen. Mit einer Verbesserung der Terminsituation hat es nichts zu tun!
Die Politik muss sich entscheiden, ob sie halbherzig den Weg in die Zerstörung ambulanter Strukturen beschreiten möchte, oder ob sie das System, so wie es von den Bürgern über Jahrzehnte geschätzt wurde, erhalten möchte. Der Weg dazwischen ist nur etwas für Politiker, die in 4-Jahres-Zyklen denken.
Fazit: Mehr Ausbildung, gerechte Honorierung, verursachungsgerechte und vollständige Finanzierung versicherungsfremder Leistungen, mehr Eigenbeteiligung bei nicht lebensnotwendigen Behandlungsformen.
Der Traum von der Einheitsversicherung glimmt
Die verstolperte Bemerkung von Bundeskanzler Friedrich Merz, die man als Infragestellung des dualen Gesundheitssystems auffassen könnte, sollte man nicht allzu ernst nehmen. Die Bemerkung ist unter dem Eindruck gefallen, dass der Kanzler dringend Volksnähe zeigen müsse. Anlass genug für Matthias Miersch, die Reformdebatte über das duale Krankenversicherungssystem wiederzubeleben, um den Ladenhüter Bürgerversicherung nach vorne zu bringen. Immerhin hat Markus Söder unverzüglich auf die Bremse getreten, um den Kanzler und auch die Schwesterpartei vor einem vollständigen Profilverlust zu bewahren.
Und zum Schluss die ernüchternde Prognose: An der eindimensionalen Gesundheitspolitik, die vornehmlich auf Spargesetze zu Lasten der Leistungserbringer ausgerichtet ist und sich beharrlich wirklichen Strukturreformen verweigert, wird sich erst dann etwas zum Besseren bewegen, wenn das System durch politisches Handeln bzw. Nichthandeln vollständig erodiert ist! Politik sollte sich frühzeitig entscheiden, ob sie das bewährte System erhalten und dann auch pflegen möchte, oder ob sie ein staatliches Gesundheitssystem nach Britischem Vorbild mit allen seinen Besonderheiten installieren möchte.
Regierungsverantwortliche, die vom Morgen bis zum Abend damit beschäftigt sind, sich leidzutun oder sich innerhalb einer Koalition zu zerreiben, werden kaum in der Lage sein, wirkliche Strukturreformen durchzusetzen.
Dr. Michael Loewener, Wedemark
